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Lesedauer 4 Min.

EPPO ermittelt wegen Umsatzsteuerbetrugs: Razzia bei Herweck

Die Europäische Staatsanwaltschaft hat in Deutschland Durchsuchungen wegen eines mutmaßlichen Umsatzsteuerkarussells angeordnet. Betroffen sind Standorte in Saarland und Sachsen, darunter offenbar auch die Herweck AG.
© shutterstock / Proxima Studio 

Noch vergangenen Freitag präsentierte sich Herweck auf der eigenen Hausmesse Perspectives in St. Ingbert in guter Verfassung: zweistelliges Umsatzplus, wachsende Vertragszahlen, neue Produkte. Nur wenig später folgte eine Meldung anderer Art: Die Herweck AG bestätigt, dass behördliche Maßnahmen an ihren Standorten durchgeführt wurden, offenbar im Rahmen eines EPPO-Verfahrens wegen mutmaßlichen Umsatzsteuerbetrugs.

Die Europäische Staatsanwaltschaft teilte am Mittwoch mit, dass auf ihre Anordnung hin acht Durchsuchungen durchgeführt und eine Person festgenommen wurde. Im Verdacht steht ein Umsatzsteuerkarussell im Handel mit Kleinelektronik, der geschätzte Schaden beläuft sich auf rund 18 Millionen Euro, erlitten zwischen 2019 und 2023. Zusätzlich wurde auf Antrag der EPPO eine Beschlagnahme in gleicher Höhe angeordnet. An den Maßnahmen beteiligt waren die Steuerfahndung Saarbrücken, Steuerfahndungsstellen in Trier, Neustadt an der Weinstraße und Chemnitz sowie mehrere Polizeieinheiten.

Wie das Karussell funktioniert haben soll

Laut EPPO soll die verdächtige Firma Waren von deutschen Lieferanten gekauft und an sogenannte Missing Trader in Italien, den Niederlanden, Portugal und der Slowakei verkauft haben. Einige der deutschen Lieferanten sollen dabei als Pufferfirmen mit Scheinrechnungen agiert haben. In anderen Fällen sollen Rechnungen für Transaktionen ausgestellt worden sein, die gar nicht stattgefunden haben. Einem Teil der Verdächtigen wird vorgeworfen, wissentlich an dem Schema beteiligt gewesen zu sein und unrechtmäßig Vorsteuer abgezogen zu haben. Besonders auffällig: Ein Teil der Waren soll mehrfach innerhalb des Netzwerks zirkuliert sein, also über Zwischenfirmen zurück an die ursprünglichen Lieferanten verkauft, um den Anschein regulärer Handelsströme zu erwecken.

Das Grundprinzip solcher Karussellkonstruktionen ist bekannt: Beim grenzüberschreitenden Handel innerhalb der EU sind Lieferungen umsatzsteuerfrei. Kriminelle Netzwerke nutzen das aus, indem sie Waren über mehrere Länder und Scheinfirmen schleusen und dabei Vorsteuer geltend machen, die nie tatsächlich abgeführt wurde. Trotz des eigentlich betrugssicheren Reverse-Charge-Verfahrens gelingt es solchen Konstruktionen immer wieder, massive Steuerschäden zu verursachen.

Namen nennt die EPPO nicht. Noch am Mittwochabend meldete sich jedoch die Herweck AG mit einer eigenen Erklärung: Das Unternehmen bestätigt, dass behördliche Maßnahmen an seinen Standorten durchgeführt wurden. Die Ermittlungen richteten sich laut Herweck nicht gegen das Unternehmen selbst, sondern gegen Vorgänge aus der Vergangenheit bei einzelnen Geschäftspartnern. Zur Sicherung entsprechender Unterlagen seien die Räumlichkeiten durchsucht worden. Herweck betont, die Ermittlungen kooperativ zu begleiten. Der operative Geschäftsbetrieb laufe uneingeschränkt weiter.

Kein Einzelfall in der Branche

Umsatzsteuerbetrug im Elektronikhandel ist kein neues Phänomen. Erst im vergangenen Jahr berichtete Telecom Handel über den Fall Hotphone: Nach einer groß angelegten EPPO-Aktion unter dem Codenamen „Supernova“ wurde der Geschäftsbetrieb des Mannheimer Distributors eingestellt. Damals wurden rund 90 Objekte in fünf Ländern durchsucht und vier Personen festgenommen. Der geschätzte Schaden belief sich auf über 100 Millionen Euro. Ermittler fanden seinerzeit auch Kartons, die äußerlich wie reguläre Warensendungen wirkten, in Wirklichkeit aber mit Steinen gefüllt waren, offenbar um den Anschein von Lieferbewegungen zu erwecken.

Ob zwischen den aktuellen Ermittlungen und dem Supernova-Verfahren ein Zusammenhang besteht, ist nicht bekannt. Alle Betroffenen gelten bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig. Telecom Handel beobachtet die Entwicklungen und wird berichten.

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